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... Neu auf dem Markt: "... weil´s Kindlein schlafen will" - Der zweite Dörte Wilhelms - Roman von Sylvia Lamsfuß ...

Der Dezember in Jever zeigt sich von seiner schlechtesten Seite. Trotz weihnachtlicher Dekoration überall, will keine rechte Adventsstimmung aufkommen. Denn es herrscht norddeutsches Schmuddelwetter, ein Bankräuber im Nikolauskostüm macht die Sparkassen der Umgebung unsicher, und bei Baggerarbeiten am Kirchplatz wird das Skelett eines Mannes gefunden. Als hätte die eigenwillige Kommissarin Dörte Wilhelms damit nicht genug zu tun, ist plötzlich auch noch die kleine Jenny spurlos verschwunden.

Leseprobe:

Enno liebte den Markt. Er ging gerne von Stand zu Stand, bewunderte die bunten Früchte, die silbrigen Fische, die dunkelroten Hammelkeulen. Die Marktbeschicker kannten ihn, er war freundlich zu jedem, grüßte höflich und fasste nur selten etwas an. Manchmal schenkten sie ihm eine Mandarine, eine Möhre, ein Mettwürstchen oder ein Stück Makrele. Und immer bedankte Enno sich artig. „Schwachsinnig, aber harmlos“, tuschelten sie hinter seinem Rücken. Das bekam er nicht mit. Seine Mutter hatte ihm diesmal aufgetragen, einen Blumenkohl zu kaufen. Einen Auftrag konnte er sich merken. Manchmal auch zwei.

An diesem Markttag war etwas anders als sonst. Es drängten sich keine Käufer zwischen den Ständen. Und an den Ständen waren auch fast keine Verkäufer. Enno war verdutzt. Das hatte er noch nie erlebt. Da sah er, dass unterhalb der Kirche ganz viele Menschen standen.

Neugierig ging er auf die Gruppe zu. Wie die anderen, machte er sich ganz lang, um zu sehen, was dort passierte.

„Eine Leiche. Sie haben eine Leiche gefunden“, erklärte ihm ein Fremder atemlos. Aha. Eine Leiche. Enno hatte keine Vorstellung davon, was eine Leiche war. Es musste irgendetwas Aufregendes am oder im Boden sein.

„Schon lange tot“, erklärte ihm der Fremde weiter.

Tot? Das kannte Enno. Seine Oma war tot. Daran erinnerte er sich gut. Seine Oma hatte in diesem hölzernen Kasten gelegen. Kalt und reglos. „Jetzt ist sie im Himmel“, hatte die Mutter gesagt. Was für ein Quatsch. Wie konnte sie denn im Himmel sein, wo sie doch in dieser Kiste lag? Die Kiste wurde zugeschraubt und in einem großen Loch auf dem Friedhof verbuddelt. Und alle warfen Blumen und Dreck in das Loch. So konnte die Oma nicht in den Himmel kommen. Aber zu ihm kam sie auch nicht zurück. Und der Gedanke erfüllte ihn mit einem überwältigenden Gefühl von Verlust. Er musste weinen. Die Umstehenden sahen den großen jungen Mann mit dem kindlichen Gesicht erstaunt an, in dessen Mundwinkeln Speichelbläschen platzten, als er sich schluchzend vom Objekt ihrer Neugierde abwandte und mit gesenktem Kopf den Kirchplatz verließ. Er taumelte nach Hause. Dort klingelte er an der Haustür, und seine Mutter öffnete ihm,

„Was ist denn los?“, fragte sie überrascht.

„Oma. Oma ist tot. Am Markt“, sagte er mit tränenerstickter Stimme, ging an seiner Mutter vorbei in sein Zimmer, warf sich auf das Bett und weinte.

„Und was ist mit dem Blumenkohl?“

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“... weil´s Kindlein schlafen will” von Sylvia Lamsfuß

ISBN 978-3-89841-351-0

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